Die Zeitschrift Simplicissimus
Der Simplicissimus
ist die bis heute prominenteste deutsche politisch-satirische Wochenschrift.
Der Name steht für die antiklerikale, antifeudale und fundamentaldemokratische
Auseinandersetzung mit der Innen- und Außenpolitik des Kaiserreichs und der
Weimarer Republik ebenso wie für pointierte Mentalitätskritik am deutschen
Normalbürger, dem „Michel“. Für literarische, historische und soziologische
Fragestellungen im Kontext der beiden Weltkriege bietet die Zeitschrift ein
unersetzliches Quellenmaterial. International hat sie als zeitgeschichtliches
Zeugnis Gewicht wie kaum ein anderes deutsches Periodikum.
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Albert Langen |
Thomas Theodor |
Begründet
am 1.4.1896 durch Albert Langen, wird die Zeitschrift bald ein Forum für die
künstlerische und literarische Avantgarde ihrer Zeit. Es ist ein Glück für
Langen und das gesamte Unternehmen, daß er Thomas Theodor Heine als ständigen
Mitarbeiter gewinnen kann, der bis dahin als Dackelzeichner bei den
"Fliegenden Blättern" engagiert war und sich nun binnen Kurzem zu
einem der führenden Karikaturisten Europas entwickelt (ihm verdankt sich die
wohl erste Brecht-Karikatur der Epoche). Unter den ständigen Mitarbeitern
finden sich bald die besten Zeichner Münchens, die dem Blatt meist bis zuletzt
die Treue halten, dabei gut verdienen und sich einen Namen machen:
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Wilhelm Schulz |
Bruno Paul |
Ferdinand |
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Eduard Thöny |
Josef Benedikt |
Rudolf Wilke |
Karl Arnold, Josef Benedikt Engl, Olaf Gulbransson, Ernst Heilemann, Thomas
Theodor Heine, Bruno Paul, Ferdinand von Reznicek, Wilhelm Schulz, Eduard Thöny,
Rudolf Wilke. In späteren Jahren kommen Jeanne Mammen, Erich Schilling, Kurt
Heiligenstaedt, Karl Sturtzkopf hinzu. Ihre Namen stehen für die künstlerische
Qualität der Zeitschrift ebenso wie die zahllosen „freien“ Beiträger, die
manchmal erst in späteren Jahren zu Berühmtheit kommen: unter vielen anderen
sind zu nennen Ernst Barlach, Lovis Corinth, Paul Hegenbarth, Heinrich Kley,
Käthe Kollwitz, Alfred Kubin, Walter Trier, A. Paul Weber, Heinrich Zille.
Nicht
weniger prominent ist die Reihe der Hauptschriftleiter und Redakteure, zu denen
Korfiz Holm, Reinhold Geheeb, Hans Erich Blaich, Walter Foitzik, Julius
Linnekogel, Fritz Schweynert und über lange Jahre auch Ludwig Thoma zählt.
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Ludwig Thoma |
Reinhold Geheeb |
Ursprünglich als kulturell-literarisch orientiertes Periodikum konzipiert, war
der Simplicissimus zudem Forum für alle wichtigen Literaten seiner
Epoche: Frank Wedekind, die Gebrüder Mann, Rainer Maria Rilke, Robert Walser,
Otto Julius Bierbaum, Jakob Wassermann, Richard Dehmel, Hermann Hesse, Hugo von
Hofmannsthal, Karl Kraus, Gustav Meyrink und viele mehr sind mit dem Namen der
Zeitschrift durch Erstveröffentlichungen untrennbar verbunden. Das Verzeichnis
der Beiträger ( hier
) liest sich als Kompendium der prominentesten Kulturschaffenden dieser
Zeit, vermischt mit den Namen großer und kleiner Literaten, die heute vergessen
sind.
Mit
Ausbruch des Ersten Weltkriegs sieht die Redaktion sich in einem tiefen
Zwiespalt: sie glaubt dem Vaterland „positive“ Haltung schuldig zu sein und
unterzieht den Simplicissimus einer Verwandlung zu patriotischer
Parteigängerschaft mit chauvinistischer Einfärbung (wie dies wohl bei vielen
Zeitschriften in jener Zeit der Fall war). In der Weimarer Republik aber
versucht die Zeitschrift zu ihrer alten Qualität und Aufgabe zurückzufinden,
vor allem im Kampf gegen den aufkommenden dumpfen Geist des
Nationalsozialismus. Die Redaktion läßt sich auch von SA-Rollkommandos nicht
schrecken und führt den Kampf mutig und bisweilen erbittert fort, bis der
Ungeist schließlich siegt. 1933 wird die Zeitschrift von den Nationalsozialisten
„gleichgeschaltet“. Thomas Theodor Heine, geboren als der Jude David Theodor Heine,
wird in rüdester Weise aus dem Mitarbeiterstab verdrängt, isoliert und ins Exil
gezwungen, und mit ihm der linksliberale Chefredakteur Franz Schoenberner.
Es
beginnt ein langes Kapitel der Geschichte dieser Zeitschrift, das zu
überschlagen sich durch die Tatsache verbietet, daß Titel, Aufmachung und
Mitarbeiterliste ohne große Veränderungen bleiben. Zeitzeuge bleibt der
Simplicissimus gewiß, doch nur in dem banalen Sinne, daß er kaum einer
Forderung des Ungeistes noch Widerstand entgegensetzt, daß er, im Gegenteil,
dessen Propaganda betreibt. Unbequem zu sein hat die Zeitschrift endgültig
aufgegeben; Unwillfährigkeit mag man ihr vielleicht noch attestieren, wenn
man die Weigerung, hemmungslos in die Hetze gegen nationalsozialistische
Feindbilder miteinzustimmen, schon so verstehen darf. Daß diese Enthaltsamkeit
so selbstverständlich nicht ist, lehrt jedenfalls der historische Vergleich
mit anderen Publikationsorganen der Zeit.
Vorherrschend
in der Karikatur des Simplicissimus nach 1933 aber ist ein paranoid verzerrtes
Auslandsbild, die Innenpolitik hingegen scheint vollkommen ausgesetzt. Wahrheit
und Verhältnismäßigkeit sind keine Maßstäbe der Darstellung mehr.
Denunziationen, Pogrome, Massenmorde, Konzentrationslager, Weltkrieg finden
im Simplicissimus keinen Widerhall, stattdessen sucht das Blatt Zuflucht im
politisch Unverfänglichen, dem menschlichen Mikrokosmos - und er etabliert
neben der unverwüstlichen Erotik die Pin-Up-Darstellung als „Aufreißer“.
All dies rettet den Simplicissimus nicht: im September 1944 geht er an banalem Papiermangel zugrunde, er hat keine Gegner mehr, denen dieser Tod zum Triumph hätte gereichen können.
Der vom Jahr 1946
datierende Neuversuch unter dem Titel Der Simpl (mit einem Teil der
alten Mitarbeiter) wird 1950 wegen mangelnder Resonanz wieder abgebrochen. Von
1954 bis 1967 (12 Jahrgänge) lebt der Simplicissimus unter Olaf Iversen
wieder auf – in Gestaltung und Inhalt dem Vorbild nachempfunden, doch zeigt
sich gerade durch die gewollte formale Nähe zum Vorbild, wie anders und
ungleich komplizierter nun die gesellschaftlichen Machtverhältnisse geworden
sind. Alle weiteren, nach dem Jahr 1970 gestarteten Unternehmungen, den alten
Zeitschriftenmantel mit modernen Inhalten zu beleben, können wohl als
bedeutungslos gelten.
Hans
Zimmermann
Silhouetten von Charles Kniesberg, Hamburg
(1904)